Von etablierten Medienhäusern zum Influencer: Wie sich unser Informationsverhalten verändert

Die Art und Weise, wie Menschen sich über Politik und Gesellschaft informieren, befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Was lange Zeit von etablierten Medienhäusern geprägt war, verschiebt sich zunehmend hin zu digitalen Plattformen – und vor allem zu einzelnen Persönlichkeiten. Eine aktuelle Studie des Jordan Center for Journalism Innovation and Advocacy macht deutlich, wie weit dieser Umbruch bereits fortgeschritten ist.

Der Abschied von klassischen Nachrichtenquellen

In den USA beziehen heute rund 70 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihre Nachrichten primär online, während das Fernsehen deutlich an Bedeutung verloren hat. Noch entscheidender als der Kanal ist jedoch die Quelle: Immer häufiger sind es keine klassischen Redaktionen mehr, die Informationen vermitteln, sondern Influencer, Podcaster oder politisch positionierte Kommentatoren. Namen wie Joe Rogan oder Jimmy Kimmel stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Sie erreichen ein Millionenpublikum und prägen politische Wahrnehmungen – oft stärker als traditionelle journalistische Angebote.

Vertrauen wandert von Institutionen zu Personen

Was sich hier zeigt, ist mehr als ein Medienwandel. Es ist ein struktureller Vertrauenswechsel. Nutzerinnen und Nutzer orientieren sich zunehmend an Personen statt an Institutionen. Sie folgen nicht mehr einer Zeitung oder einem Fernsehsender, sondern einzelnen Stimmen, mit denen sie sich identifizieren können. Diese Entwicklung verändert zwangsläufig auch die Inhalte selbst. Information wird persönlicher, zugespitzter und häufig stärker emotionalisiert, während die Grenzen zwischen Analyse, Meinung und Unterhaltung zunehmend verschwimmen.

Der Trend wird treffend als Verschiebung hin zu einer „Influencer-Öffentlichkeit“ beschrieben. Besonders auffällig ist dabei, wie stark sich politische Lager in ihren bevorzugten Informationsquellen unterscheiden. Während einige Zielgruppen verstärkt auf satirische oder unterhaltungsnahe Formate setzen, orientieren sich andere an klar positionierten politischen Kommentatoren. In beiden Fällen verliert die klassische journalistische Einordnung an Sichtbarkeit, während persönliche Perspektiven an Gewicht gewinnen.

Nutzung schlägt Vertrauen

Bemerkenswert ist dabei ein scheinbarer Widerspruch. Trotz dieser Entwicklung zeigen viele Studien weiterhin, dass traditionelle Medien ein höheres Vertrauen genießen als Inhalte aus sozialen Netzwerken. Dennoch wenden sich viele Menschen verstärkt Influencern zu. Die Erklärung liegt weniger im Vertrauen als in der Nutzungssituation. Digitale Plattformen sind allgegenwärtig, leicht zugänglich und eng mit dem Alltag verknüpft. Informationen werden dort nicht aktiv gesucht, sondern passiv konsumiert – eingebettet in Unterhaltung, Kommunikation und soziale Interaktion.

Journalismus ist reguliert – die Influencer-Öffentlichkeit nicht

Wer Informationen aus klassischen Medien konsumiert, bewegt sich in einem klar geregelten Umfeld. Journalisten müssen sich an berufsethische Standards halten: Fakten und Meinungen sind zu trennen, Kommentare müssen als solche gekennzeichnet werden, unterschiedliche Standpunkte sind fair abzubilden und Fehler werden korrigiert. In der Schweiz überwacht der Presserat die Einhaltung der publizistischen Ethik und beurteilt Beschwerden anhand der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten.

Für Influencer gelten diese journalistischen Regeln hingegen nicht. Sie können Fakten, persönliche Meinungen, Werbung und politische Botschaften frei miteinander vermischen, ohne diese zwingend voneinander zu trennen. Zwar müssen bezahlte Werbung oder Sponsoring in vielen Fällen gekennzeichnet sein, eine journalistische Sorgfaltspflicht oder eine Verpflichtung zur Ausgewogenheit besteht jedoch nicht.

Die Schweiz: Stabilität im Wandel

Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass sich auch hier die Mediennutzung grundlegend verändert, wenn auch mit etwas anderen Vorzeichen. Eine Studie des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich prognostiziert, dass klassische Medienangebote weiter an Reichweite verlieren werden, während digitale Plattformen und neue Technologien an Einfluss gewinnen. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in professionellen Journalismus im internationalen Vergleich relativ stabil. Diese Kombination aus wachsender Plattformdominanz und vergleichsweise hoher Glaubwürdigkeit traditioneller Medien schafft eine besondere Spannung im Schweizer Mediensystem.

Gleichzeitig zeichnet sich auch hier eine zunehmende Spaltung im Informationsverhalten ab. Ein Teil der Bevölkerung informiert sich weiterhin aktiv und nutzt unterschiedliche Quellen, während ein anderer Nachrichten nur noch beiläufig oder gar nicht mehr konsumiert. Diese Entwicklung wird zunehmend als Problem für die öffentliche Meinungsbildung gesehen, weil sie zu Wissenslücken und einer fragmentierten Öffentlichkeit führen kann.

KI als nächster Umbruch im Nachrichtenkonsum

Besonders weitreichend könnten die Veränderungen durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sein. Die fög-Studie geht davon aus, dass KI-basierte Systeme künftig eine zentrale Rolle im Nachrichtenkonsum spielen werden. Inhalte werden dann nicht mehr direkt bei Medienanbietern abgerufen, sondern über Schnittstellen aggregiert, zusammengefasst und personalisiert ausgeliefert. Damit droht ein weiterer Bedeutungsverlust klassischer Medienmarken, da Nutzerinnen und Nutzer immer seltener mit den ursprünglichen Quellen in Kontakt kommen.

Eine fragmentierte Öffentlichkeit

Insgesamt deuten die Entwicklungen in den USA und der Schweiz in dieselbe Richtung: Die Öffentlichkeit wird fragmentierter, personalisierter und stärker durch Plattformlogiken geprägt. Der Journalismus steht damit vor der Herausforderung, seine Rolle in einem Umfeld neu zu definieren, in dem Aufmerksamkeit nicht mehr über institutionelle Autorität, sondern über persönliche Bindung und algorithmische Sichtbarkeit entsteht.

Die zentrale Frage ist deshalb nicht nur, wie sich Medien anpassen können, sondern wie unter diesen Bedingungen weiterhin eine gemeinsame Grundlage für öffentliche Debatten erhalten bleibt. Denn wenn sich Informationsräume immer weiter auseinanderentwickeln, wird es schwieriger, gesellschaftliche Verständigung zu organisieren. Genau darin liegt die vielleicht grösste Herausforderung dieses medialen Umbruchs.

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